Haben Sie in den vergangenen vier Wochen Familien gebeten, Kinder wegen Personalmangels nicht in die Einrichtung zu bringen oder früher abzuholen? Diese Frage bejahten deutlich mehr als die Hälfte (58,20 %) der befragten hessischen Kitas in der Befragung für den Kita-Bericht des Paritätischen Gesamtverbands, der heute vorgestellt wurde. Fast ein Drittel (31,3 %) mussten sogar mehr als einmal in den Notbetrieb gehen. Wegen des Fachkräftemangels konnten zudem durchschnittlich 6,2 Plätze pro Kita nicht belegt werden, hier hat Hessen den zweithöchsten Wert aller Bundesländer.
„Trotz sinkender Kinderzahlen ist der Fachkräftemangel in Hessen weiterhin in Einrichtungen spürbar“, so Dr. Daniela Wehrstein, Referentin Kita beim Paritätischen Hessen: „Viele Kitas arbeiten am Limit. Sie haben keine Kapazitäten für die zusätzlichen Aufgaben, die sie nach den drastischen Kürzungsvorschlägen übernehmen sollen, die derzeit auf Bundesebene diskutiert werden.“ Ein kürzlich vorgelegter Kabinettsentwurf für die Kinder- und Jugendhilfe sieht vor, dass es für Kinder und Familien künftig weniger individuelle Hilfen zur Erziehung geben soll. Stattdessen sollen Kitas und Ganztagsangebote auch unterstützend zur Seite stehen, um familiäre Erziehungsprobleme zu lösen. Und persönliche Teilhabeassistenz könnten Kinder mit Förderbedarf erst dann erhalten, wenn sich zeigt, dass Gruppenangebote nicht ausreichen.
„Der Kita-Besuch kann eine individuelle Familienhilfe nicht ersetzen. Diese beiden Systeme ergänzen und unterstützen einander. Viele Kita-Mitarbeitende sind für den Umgang mit komplexen familiären Problemlagen nicht ausgebildet. Und selbst wenn sie dies wären: Kitas haben gar nicht den Auftrag, vor Ort im Zuhause der Kinder aktiv zu werden“, betont Dr. Daniela Wehrstein. Schon jetzt ist die Arbeitsbelastung laut Kita-Bericht hoch. Fast 90 Prozent der Einrichtungen berichten von einer starken psychischen Beanspruchung des Personals, und in 43,5 Prozent der befragen Kitas hat innerhalb eines Jahres mindestens eine Fachkraft die Einrichtung aus psychischen Gründen verlassen.
Der Paritätische kritisiert, dass ausgerechnet die Kinder, die von guter frühkindlicher Bildung am stärksten profitieren würden, vielerorts auf die größten Personalengpässe und die höchsten Belastungen im System treffen. So zeigt der Kita-Bericht 2026, dass Einrichtungen mit vielen Kindern in herausfordernden Lebenslagen, besonders häufig berichten, dass der vorhandene Personalschlüssel nicht ausreicht, um z.B. den Sprachförderbedarf zu decken. Der Paritätische Gesamtverband fordert deshalb einen Sozialindex in der Kita-Finanzierung. Ressourcen sollen sich demnach nicht allein an der Zahl der betreuten Kinder bemessen, sondern gezielt nach Belastungslagen wie Armut, Migration und Förderbedarfen verteilt werden. Hessen hätte mit der Schwerpunkt-Kita bereits eine etablierte Systematik, die an diese Vorschläge anknüpfen könnte und die dahingehend ausbaufähig wäre.
Ansprechperson für die Presse:
Dr. Daniela Wehrstein
Tel: 069 955262 23
Daniela.Wehrstein(at)paritaet-hessen.org