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Armut in Hessen auf historischem Höchststand

Negativer Trend verstärkt sich durch die Corona-Krise  

Die Armut lag 2019 in Hessen erneut über dem Bundesdurchschnitt und erreicht einen neuen Höchststand. Der stetige Anstieg war schon vor der Corona-Pandemie ungebrochen und wird durch die Corona-Krise noch ein-mal drastisch verstärkt. Nach dem Armutsbericht, den der Paritätische Gesamtverband heute in Berlin veröffentlicht hat, ist die Armut in Hessen seit 2006 um mehr als ein Drittel gewachsen, so stark wie in keinem anderen Bundesland. 2019 lag die Armutsquote in Hessen bei 16,1 Prozent, deutschlandweit bei 15,9 Prozent.  

„Die Zahlen waren schon vor Corona alarmierend, mit der Pandemie hat sich die Entwicklung dramatisch verschärft“, sagt Dr. Yasmin Alinaghi, Landesgeschäftsführerin des Paritätischen Hessen. Im Oktober 2020 lag die Arbeitslosenquote bei 5,3 Prozent und damit um 1,3 Prozentpunkte höher als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Beschäftigten in Kurzarbeit ist zwischen Februar und Juli 2020 geradezu explodiert, von 9700 auf fast 328.000.

Ausufernder Niedriglohnsektor
Die Krise trifft nicht alle gleichermaßen, sondern Geringverdienende besonders heftig. „Prekär Beschäftigte verlieren als erste ihre Arbeit und können vom Lohn in der Kurzarbeit nicht leben“, sagt Annette Wippermann, Referentin für Arbeitsmarkpolitik beim Paritätischen Hessen. Der ausufernde Niedriglohnsektor kann als eine der Ursachen für Armut in Hessen ausgemacht werden. Denn bis zur Corona-Krise sanken die Quoten bei Arbeitslosigkeit und Hartz IV-Bezug stetig, während die Armut gleichzeitig stieg. Immer mehr Menschen waren demnach arm trotz Arbeit. Ein neues Allzeithoch ist in Hessen auch bei der Kinderarmut zu beklagen. 2019 war mehr als ein Fünftel aller unter 18-Jährigen betroffen, nämlich 21,9 Prozent, 0,8 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor.

Mit Blick auf die regionalen Zahlen zeigt der Armutsbericht für Südhessen und die Rhein-Main-Region einen besonders negativen Trend. Dort hat sich die Armutsquote seit 2006 fast verdoppelt, Südhessen verzeichnet seitdem ein Plus von 46,7 Prozent, Rhein-Main von 45,7 Prozent. Beide Regionen gehören damit zu den fünf Regionen mit dem größten Armutszuwachs deutschlandweit.

Besonderen Anlass zur Sorge gibt auch die Entwicklung in Frankfurt, wo die Armutsquote von 2018 auf 2019 von 15,4 auf 19 Prozent nach oben geschnellt ist. Damit liegt die europäische Bankenhauptstadt weit vor anderen deutschen Großstädten und hat im vorigen Jahr Dresden überholt.

Um die Armut einzudämmen sind bundesweite Maßnahmen überfällig. Unter anderem müssen die Hartz IV-Regelsätze so erhöht werden, dass sie den Lebensbedarf decken, Arbeitslosenversicherung und Alterssicherungssysteme müssen gestärkt und eine Kindergrundsicherung eingeführt werden. Doch es gibt auch landespolitisch Stellschrauben: Um den Niedriglohnsektor zu verkleinern muss im öffentlichen Bereich das Vergabe und Tariftreuegesetz eingehalten werden. Ebenso liegt es in der Hand des Landes, mit einem sofortigen Mietenstopp die Wohnkosten einzubremsen, die trotz Pandemie weiter steigen und längst auch mit Einkommen über der Armutsschwelle nicht mehr erschwinglich sind.

Der Armutsbericht des Paritätischen zählt einer EU-Konvention entspre-chend Haushalte als arm, die mit ihrem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegen. Diese Armutsschwelle lag 2019 bei einer alleinstehenden Person bei einem monatlichen Einkommen von 1074 Euro, bei einem Paar ohne Kinder bei 1611 Euro. Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren gelten nach dieser Definition als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 1396 Euro monatlich zur Verfügung haben. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren sind es 2256 Euro.

Den Armutsbericht und eine detaillierte Suchfunktion nach Postleitzahlen finden Sie hier.