Die 1970er Jahre

Wirtschaftskrise und steigende Arbeitslosigkeit

1976 wird Holger Börner in Hessen neuer Ministerpräsident und bleibt es bis 1987. Die Bedeutung der Bildung für die Chancengleichheit rückt verstärkt in den Blickpunkt: 1971 tritt das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BaföG) in Kraft, das auch Kindern aus materiell weniger begünstigten Familien ein Studium ermöglichen soll. Auch im Paritätischen gewinnt das Thema Bildung an Bedeutung. Im März 1979 entsteht aus einer Initiative privater Bildungsträger in Frankfurt das Paritätische Bildungswerk Hessen. Ziel  ist eine parteipolitisch und konfessionell unabhängige Bildungsarbeit für Beschäftigte und ehrenamtlich Engagierte im Sozial- und Gesundheitswesen.

Die Aktivitäten von Umweltverbänden, Friedens- und Anti-Atom-Bewegung sowie Dritte-Welt-Gruppen und Fraueninitiativen ändern auch die politische Landschaft. Die Aufrüstung in Ost und West führt zu einem Erstarken der Friedensbewegung. 1980 wird die Bundespartei „Die Grünen“ aus der Taufe gehoben. Die zum Ende der 70er Jahre beginnende Wirtschaftskrise führt zu erhöhten Arbeitslosenzahlen. Eine der Folgen ist das Ende der Anwerbeabkommens für Arbeitskräfte aus dem Ausland. Rechtsextremismus und Rassismus nehmen spürbar zu. Am 16. Juni 1979 setzt das erste „Rock gegen Rechts-Festival“ in Frankfurt am Main dagegen ein Signal.

Großer Handlungsbedarf besteht bei der Versorgung von chronisch psychisch kranken Menschen. Die im Auftrag des Bundestages erstellte Psychiatrie-Enquête von 1975 offenbart die katastrophalen Zustände, unter denen Patient*innen in den einstigen Heil- und Pflegeanstalten leiden. Möglichst viele der Patient*innen sollen aus den Anstalten entlassen und wohnortnah versorgt werden. Vereine wie etwa die Bürgerhilfe Sozialpsychiatrie Frankfurt in am Main e.V. engagieren sich für neue Möglichkeiten der Versorgung und für die Integration von psychisch kranken Menschen.

Die gesellschaftlichen Reformen prägen die Entwicklung des Paritätischen. Neue Bewegungen der Selbsthilfe, vor allem der Gesundheits-Selbsthilfe sowie der Selbsthilfe von Menschen mit Behinderungen und deren Angehörigen, schließen sich in den 1970er-Jahren dem DPWV an. Auch die Mitgliederzahl im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, der Hilfen für Menschen mit Behinderung sowie der Frauen- und Mädchenarbeit steigt. Soziokulturelle Projekte sowie Schwulen- und Lesben-Initiativen stoßen ebenfalls zum Verband, der sich der zunehmenden Bedeutung als sozialpolitischer Akteur immer deutlicher bewusst wird.

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Was den Paritätischen für die neuen Initiativen attraktiv macht, ist seine weltanschauliche und politische Offenheit. Kleine Träger und Vereine stehen im Verband gleichberechtigt neben großen etablierten Organisationen der klassischen Sozialarbeit. Der Paritätische zeigt Respekt für ihre Haltung und Ideen und unterstützt eigenständige Entwicklungen. Zugleich geben die neuen
Mitglieder wichtige Impulse für die Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der fachlichen Arbeit im Verband.

Die wachsende Vielfalt sozialer Arbeit spiegelt sich in den neuen Fachkreisen und den Themen der Mitgliederversammlungen. So widmet sich Professor Dr. Erwin Krämer, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands, in der Mitgliederversammlung des Paritätischen Hessen 1975 dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne innerhalb des Verbandes. Zitat aus dem Vortrag, der in der Schriftenreihe des Paritätischen publiziert wurde: „Ich glaube, daß wir uns gerade im Paritätischen Wohlfahrtsverband hier einer besonderen Verpflichtung gegenübersehen… Wir haben Verbände, die noch sehr Altes mitbringen, und wir haben Verbände, die neu entstanden sind und nur nach vorn denken. So könnten wir ein Beispiel dafür sein, daß sich von den Zeiten her Verschiedenes miteinander verbinden läßt…“

Mit wachsender Mitgliedschaft und erweiterten Tätigkeitsfeldern sind auch mehr organisatorische Beratung und Unterstützung in Finanzierungs- und Rechtsfragen erforderlich. Neben der Gremienarbeit gewinnt die Lobbyarbeit zunehmend an Bedeutung, um die Rahmenbedingungen sozialer Arbeit zu verbessern. Mehr und mehr zeichnet sich ab, dass die bisherigen hauptamtlichen Verbandskapazitäten im Haus an der Körnerwiese deutlich erweitert werden müssen.

Die Geschicke des Landesverbands leitet nun schon seit zwei Jahrzehnten als Generalsekretär Paul Krahé. 1978 verleiht ihm der Paritätische Gesamtverband in Anerkennung seiner Verdienste um die soziale Arbeit die goldene Ehrenplakette.